Dieses Studienmaterial wurde aus einem Vorlesungsaudio-Transkript und kopierten Textquellen zum Thema "Allgemeine Technologie pflanzlicher Lebensmittel: Getreide" erstellt.
🌾 Getreide: Technologie und Verarbeitung
1. Einführung in Getreide und Backeigenschaften
Getreide ist ein Grundnahrungsmittel und die Basis vieler Produkte. Technologisch wird zwischen Brotgetreide und anderen Getreidearten unterschieden. Nur Weizen, Dinkel und Roggen besitzen eine Eigenbackfähigkeit ✅ und werden daher typisiert. Andere Getreidearten wie Gerste, Hafer oder Mais können als Zutaten verwendet werden, haben aber keine eigene Backfähigkeit.
1.1 Backfähigkeit von Weizen und Roggen
- Weizenmehle: Die Backfähigkeit basiert auf der Bildung von Disulfidbrücken (S-S-Brücken) zwischen Klebermolekülen durch Oxidation von SH-Gruppen. Diese Vernetzung bildet Polymere, die das bei der Gärung entstehende Gas (CO2) im Teig festhalten und ihn aufgehen lassen. 🍞
- Roggenmehle: Die Backfähigkeit beruht auf einem hohen Anteil an Pentosane. Diese besitzen ein hohes Wasserbindungs- und Quellvermögen, verhindern aber die Ausbildung einer Kleberstruktur wie bei Weizen. Säuren aus der Sauerteigführung senken den pH-Wert und inaktivieren stärkeabbauende Enzyme.
1.2 Weichweizen vs. Hartweizen
- Weichweizen: Besitzt ein weicheres, mehligeres Korn und einen geringeren Proteinanteil. Er ist die bedeutendste Weizenart und eignet sich für Brot, Backwaren, Malz, Futtermittel und Stärkegewinnung.
- Hartweizen: Hoher Kleberproteingehalt, ideal für die Pastaherstellung 🍝, aber ungeeignet für Brot und Kuchen.
2. Aufbau und Inhaltsstoffe des Getreidekorns
Das Getreidekorn ist bei allen Arten ähnlich aufgebaut:
- Schale: Äußere Schicht, reich an Vitaminen und Mineralstoffen.
- Mehlkörper (Endosperm): Hauptbestandteil (ca. 83%), besteht hauptsächlich aus Stärke und Eiweiß. Das Klebereiweiß (Gluten) hält die Stärkekörner zusammen und ist entscheidend für die Backfähigkeit.
- Aleuronschicht: Trennt den Mehlkörper von der Schale. Bei hellen Mehlen wird sie größtenteils abgetrennt.
- Keimling: Enthält Anlagen für eine neue Pflanze, reich an Eiweiß, essentiellen Aminosäuren, ungesättigten Fettsäuren, Vitaminen und Mineralstoffen.
2.1 Proteine: Osborne-Fraktionen 📚
Getreideproteine werden nach ihrer Löslichkeit klassifiziert:
- Albumine: Wasserlöslich.
- Globuline: Mit Kochsalzlösung extrahierbar.
- Prolamine: Mit 70%igem Ethanol extrahierbar. Speicherproteine, reich an Prolin und Glutamin.
- Gluteline: Nicht extrahierbar, verbleiben im Rückstand. Reserveproteine, reich an Glutaminsäure und Prolin.
- 💡 Gluteline und Prolamine bilden während des Backvorgangs Quervernetzungen über Disulfidbrücken und tragen maßgeblich zur Festigkeit des Teiges bei.
2.2 Lipide
Lipide sind minore Bestandteile, die als Gleitflächen zwischen Proteinen fungieren und die Teigbildung beeinflussen.
- Höhere Gehalte im Keimling und in Hafer.
- Ernährungsphysiologisch wertvoll durch essentielle Fettsäuren (Linolsäure, Ölsäure, Palmitinsäure).
- Hafer-Lipide: Beeinflussen Geschmack und Aroma. Lipidperoxidation durch Hitzebehandlung erzeugt den charakteristischen Hafergeschmack. Hohe Lipaseaktivität in beschädigten Körnern kann zu Ranzigkeit führen (Inaktivierung durch Dämpfen notwendig).
- Funktionelle Eigenschaften: Nicht-Stärke-Lipide beeinflussen die rheologischen Eigenschaften des Teiges. Polare Lipide stabilisieren Gasbläschen und verbessern das Gashaltevermögen.
2.3 Enzyme
Weizen- und Roggenmehle enthalten natürliche Enzyme (z.B. Amylase, Protease). Bei Bedarf können Enzympräparate zugesetzt werden, um die Teig- und Gebäckqualität zu optimieren:
- Enzymaktive Malzprodukte: Lieferanten von Amylasen und Proteasen.
- Enzymaktive Sojamehle: Lieferanten oxidierender Enzyme (z.B. Lipoxidase für Aufhellung der Krumenfarbe).
- Enzyme aus Mikroorganismen: Z.B. Amylasen, Proteasen, Pentosanasen.
3. Gewinnung und Reinigung von Getreide
3.1 Fördersysteme
- Mechanisch: Für Getreidekörner (z.B. Becherwerk). Kostengünstig, aber keine restlose Entleerung.
- Pneumatisch: Für Mahlprodukte. Platzsparend, flexibel, aber energieaufwendig und teuer.
3.2 Trocknung 🌡️
Entscheidend für die Lagerfähigkeit. Getreide gilt als lagerfest bei:
- Feuchtigkeit unter 14 %
- Temperatur unter 20 °C (optimal 5-8 °C)
- Besatz unter 1 % Dächertrockner werden eingesetzt, um das Getreide schonend zu trocknen.
3.3 Lagerung 📦
Erfolgt in Flach- oder Hochsilos. Wichtig ist die ständige Überwachung von Feuchtigkeit und Temperatur, da Getreide "atmet" und Feuchtigkeit abgibt.
- Fließprofile: Massenfluss (bevorzugt) vs. Kernfluss. Massenfluss gewährleistet "First In – First Out", macht Entmischungen rückgängig und ermöglicht korrekte Füllstandsmessung.
- Austragshilfen und Bandwaagen zur Mengenbestimmung.
3.4 Reinigungsprozesse und Apparate
Die Reinigung ist entscheidend für die Qualität der Vermahlung und die Produktsicherheit.
- Vor- oder Siloreinigung: Bei Annahme, um unerwünschte Teile nicht einzulagern.
- Schwarzreinigung: Entfernung von Fremdbesatz (Verunreinigungen, Unkraut, Mutterkorn, verdorbene Körner).
- Apparate: Separatoren (Aspirateur, Tarar), Magnete (Entfernung von Eisenteilen), Trockensteinausleser (Steine), Trieure (sortenreines Getreide nach Länge/Form), Farbsortierer (andersfarbige Körner wie Mutterkorn).
- Weißreinigung (Hauptreinigung): Direkt vor der Vermahlung, Reinigung des Korns selbst.
- Entfernung von Bärtchen und äußeren Schalenteilen durch Scheuer-, Schäl- oder Bürstmaschinen (Oberflächenreibung).
- Anschließende Aspiration zur Staubentfernung.
3.5 Netzung (Konditionierung) 💧
Nach der Reinigung wird das Getreide mit Wasser befeuchtet und für 8-16 Stunden abstehen gelassen.
- Ziele:
- Schale wird zäher/elastischer, löst sich leichter vom Mehlkörper (verhindert Zerbrechen der Schale beim Mahlen).
- Mehlkern wird mürber.
- Erleichtert die Trennung von Kleie und Mehl.
- Führt zu gleichmäßigerer Vermahlung und höherer Ausbeute.
4. Getreideprodukte
4.1 Backwaren 🥐
Die Teigherstellung ist ein komplexes Dreiphasen-System (fest, flüssig, gasförm). Das Klebergerüst ist entscheidend für die Struktur.
- Inhaltsstoffe des Teigs: Proteine (Kleberproteine), Saccharide (Wasserbindung, Hefenährstoffe), Wasser (Stärkeverkleisterung), Hefen (Teiglockerung), Backmittel.
- Backmittel: Ergänzen Mehleigenschaften, z.B. Malze (Hefenährstoffe, Bräunung), Enzyme (Amylasen, Proteasen, Lipasen), Cystein (Klebererweichung), Ascorbinsäure (Kleberverfestigung).
- Backtriebmittel: Nur für die Lockerung des Teiges.
- Biologisch: Hefen, Sauerteig.
- Physikalisch: Lufteinschlag (Biskuit), Dampf (Blätterteig).
- Chemisch: Backpulver, Natron, Hirschhornsalz, Pottasche.
4.1.1 Prozessschritte
- Kneten: Mischen, Aufbau des Klebergerüsts durch mechanische Energie, Lufteinschlag für Poren. Rheologische Beurteilung mittels Kraft-Weg-Diagramm.
- Cystein reduziert Disulfidbrücken -> weicherer Kleber.
- Ascorbinsäure fördert Kleberverfestigung durch Konkurrenz um reduziertes Gluthation.
- Gare: Teiglockerung durch CO2-Produktion der Hefen. Nur vorhandene Poren vergrößern sich.
- Backen:
- Krume: Bleibt unter 100°C, keine Bräunung.
- Kruste: Über 100°C, Bräunungsreaktionen (Maillard, Karamellisierung).
- Wärmeübertragung: Konduktion, Strahlung, Konvektion.
- Schwadenzugabe: Wasserdampf für elastische Kruste, Ofentrieb ohne Rissbildung, Glanzbildung.
- Ofenarten: Etagenofen (laminare Strömung) vs. Stikkenofen (turbulente Strömung) beeinflussen Bräunung.
4.1.2 Tiefgefrieren von Teigen ❄️
Eine Haltbarmachungsmethode.
- Schockfrosten: Bei ca. -40°C, turbulente Strömung, schnelles Gefrieren, viele kleine Eiskristalle.
- Lagerfrosten: Bei ca. -7°C, laminare Strömung.
- ⚠️ Wichtig: Vermeidung großer Eiskristalle und Temperaturschwankungen (Rekristallisation).
- Qualität: "Grün" gefrorene Teiglinge (nach Kneten/Formen) zeigen besseres Volumen als vorgegarte, da Hefeaktivität weniger geschädigt wird und CO2-Löslichkeit bei tiefen Temperaturen die Kleberstruktur beeinträchtigen kann. Industrielle Brötchen werden oft angebacken.
4.2 Teigwaren (Pasta) 🍝
Hergestellt aus Mahlerzeugnis (meist Hartweizengrieß), Wasser, optional Ei.
- Herstellung: Kneten, Entlüften, Formgebung (Walzen, Pressen durch Matrizen, Stanzen).
- Trocknung: Wichtigster Schritt für Produktqualität. Feuchtigkeitsgehalt von 30-35% auf 11-12% senken.
- Optimale relative Luftfeuchtigkeit (80-85%) und Temperatur sind entscheidend.
- Zu schnelles Trocknen führt zu Verkrustungen, Verfärbungen, Riss- und Bruchbildung.
- Hohe Luftfeuchte verhindert Austrocknen der Oberfläche, bevor der Kern getrocknet ist.
4.3 Malz 🍺
Hergestellt aus speziellen Getreidesorten (Braugerste, Brauweizen) mit geringem Eiweißgehalt und hoher Keimfähigkeit.
- Herstellungsprozess:
- Weichen: Getreide wird in Wasser eingeweicht (1-2 Tage), Wassergehalt steigt auf 35-43%. Wechsel zwischen Nass- und Trockenweiche.
- Keimen: In Keimkästen (4-7 Tage bei ca. 15°C). Bildung/Aktivierung von Enzymen (Proteinasen, Amylasen, Cellulasen, Pentosanasen). Ergebnis: Grünmalz.
- Darren: Wichtigster Schritt. Beendet Keimung durch schonendes Trocknen (40-45% auf 4-5% Feuchte). Bildet malztypische Farb- und Aromastoffe.
- Putzen und Polieren: Entfernung von Keimen und Malzabrieb.
- Verwendung: Bierbrauen, Whisky, Malzkaffee, Malzmehl (Bäckerei), Spezialmalze (Weizenmalz, Röstmalz, Karamellmalz, Melanoidinmalz, Rauchmalz).
4.4 Bier 🍻
Hergestellt aus Wasser, Getreidemalz, Hopfen und Hefe.
- Herstellungsprozess:
- Schroten: Zerkleinerung des Malzes (Schrotmühle, Hammermühle) zur besseren Lösung der Inhaltsstoffe. Spelzen sollen erhalten bleiben (Filter).
- Maischen: In-Lösung-Bringen von Malzinhaltsstoffen (Stärke, Eiweiße) durch enzymatische Prozesse bei verschiedenen Temperaturrasten (z.B. Eiweißrast bei 45°C, Verzuckerungsrast bei 70°C).
- Läutern: Trennung von Malz (Treber) und Bierwürze. Beeinflusst Biergeschmack und Stammwürze.
- Würzekochen: Würze kochen mit Hopfen. Inaktivierung von Enzymen, Isomerisierung von Alpha-Säuren, pH-Absenkung, DMS-Austreibung, Entkeimung, Einstellung des Stammwürzegehalts.
- Ausschlagen: Entfernung von ungelösten Hopfenbestandteilen und Eiweiß (Heißtrub) im Whirlpool.
- Abkühlen: Kühlung der Würze auf Anstelltemperatur, Begasung mit Sauerstoff.
- Hefezugabe und Gärung: Hefe vergärt Zucker zu Alkohol.
- Lagerung: Jungbier reift, erhält Geschmack, Abbau unerwünschter Inhaltsstoffe.
- Filtration: Ausfilterung von Eiweißgerbstoffen, Hopfenharzen, Hefezellen für die Klarheit des Bieres.
- Abfüllen und Haltbarkeit: Reifungsprozesse setzen sich fort, Licht- und Wärmeeinwirkung vermeiden.
5. Mehlverarbeitung und -beurteilung
5.1 Mehlmischungen 📊
Mehlchargen werden oft gemischt, um gewünschte Effekte zu erzielen. Es können nicht-lineare Aufmischeffekte auftreten, d.h. die Volumenausbeute einer Mischung kann größer oder kleiner sein als die der Einzelkomponenten.
5.2 Mehlreifung ⏳
Frisch gemahlenes Mehl kann nicht sofort verarbeitet werden. Es muss reifen (6-8 Wochen nach Ernte), ein komplexer biochemischer Prozess.
- Lagerung: Bei 25-30°C, nicht über ein Jahr.
- Veränderungen: Lipide erfahren Hydrolyse und Oxidation (Anstieg freier Fettsäuren). Das Verhältnis von SS- zu SH-Gruppen steigt (korreliert mit Volumenausbeute).
- Beschleunigung: Oxidationsmittel wie Ascorbinsäure verkürzen die Reifung erheblich.








