Dieses Studienmaterial wurde aus Vorlesungsfolien und einem Audiotranskript der Vorlesung "Markt- & Werbepsychologie" (WS 2024/2025) von Prof. Dr. Mandy Nuszbaum erstellt. Es behandelt die psychologischen Prinzipien von Konsistenzmechanismen, Reaktanz und Kontexteffekten sowie die Grundlagen von Einstellungen und Einstellungsänderungen.
📚 Studienmaterial: Konsistenz, Reaktanz, Kontexteffekte & Einstellungen
Einführung
In der Markt- und Werbepsychologie spielen verschiedene psychologische Prinzipien eine entscheidende Rolle, um das Verhalten von Konsumenten zu verstehen und zu beeinflussen. Dieses Studienmaterial beleuchtet drei zentrale Konzepte: das Streben nach Konsistenz, die Reaktanz gegenüber Beeinflussungsversuchen und die Wirkung von Kontexteffekten. Ergänzend dazu werden die Grundlagen von Einstellungen und deren Änderung behandelt, die für die Gestaltung effektiver Werbestrategien unerlässlich sind.
1. Konsistenzmechanismen
Menschen streben grundsätzlich nach Übereinstimmung zwischen ihren Werten, Einstellungen und ihrem Handeln. Dieses Konsistenzstreben ist ein grundlegendes psychologisches Prinzip.
1.1 Kognitive Dissonanz
📚 Definition: Kognitive Dissonanz (Festinger, 1957) ist ein aversiver Spannungszustand, der entsteht, wenn Kognitionen (Gedanken, Überzeugungen, Einstellungen) oder Handlungen miteinander unvereinbar sind. Menschen sind motiviert, diesen Zustand zu reduzieren.
✅ Reduktionsstrategien:
- Änderung von Meinungen, Einstellungen oder Verhaltensweisen.
- Suche nach konsonanten (bestätigenden) Informationen.
- Meiden dissonanter (widersprüchlicher) Informationen.
- Suche nach externen Rechtfertigungen für inkonsistentes Verhalten.
💡 Beispiel: Eine Person, die sich gesund ernährt, isst zu Ostern viele Süßigkeiten. Um die Dissonanz zu reduzieren, könnte sie denken: "In der Osterzeit kann man mal über die Stränge schlagen. Sonst ernähre ich mich ja ausgewogen und gesund. Wegwerfen ist ja auch keine Lösung…"
1.2 Konsistenzmechanismen in Werbung und Verkauf
Konsumenten zeigen eine deutliche Tendenz, bei einmal getroffenen Entscheidungen zu bleiben. Dies wird in Marketing und Vertrieb gezielt genutzt.
- ✅ Bevorzugung konsistenter Informationen: Konsumenten verarbeiten bevorzugt Werbeinformationen, die mit ihrem bisherigen Verhalten oder ihren Einstellungen übereinstimmen (Calder, 1981).
- 💡 Shopping-Momentum Effekt: Menschen sind eher geneigt, etwas zu kaufen, wenn sie kurz zuvor bereits etwas anderes erworben haben (Dhar et al., 2007).
- 💡 Nachkaufdissonanz: Nach einer Kaufentscheidung kann Dissonanz entstehen. Werbung kann diese nutzen, indem:
- Käufer von Konkurrenzprodukten verunsichert werden (z.B. durch Altgeräte-Eintauschaktionen).
- Eigene Kunden in ihrer Kaufentscheidung bestätigt werden (z.B. durch After-Sales-Aktionen, Mailing-Aktionen, Sonderangebote, Glückwünsche).
- ⚠️ Vorsicht: Zu verlockende Angebote können Misstrauen wecken ("zu gut, um wahr zu sein").
- 💡 Foot-in-the-door Technik: 1️⃣ Eine kleine Bitte wird gestellt und akzeptiert. 2️⃣ Darauf folgt eine größere, eigentliche Zielbitte. Die Wahrscheinlichkeit der Zustimmung steigt aufgrund des entstandenen Verpflichtungsgefühls (Commitment).
- 💡 Low-balling Technik: 1️⃣ Ein Zielverhalten wird mit einem attraktiven Anreiz angeboten und akzeptiert. 2️⃣ Der Anreiz wird entfernt, aber das geänderte Verhalten wird beibehalten, da sich oft neue Gründe für das Commitment gefunden haben.
- 💡 Oversufficient-justification Effekt (Überrechtfertigungseffekt): Der Absatz von Produkten mit einem besonderen Bonus (z.B. Coupons) geht erheblich zurück, wenn der Bonus nicht mehr verfügbar ist (Mullen & Johnson, 1990). Der Bonus lieferte eine hinreichende extrinsische Begründung für den Kauf, die bei Wegfall fehlt.
- 💡 Sunk-cost Effekt (Ausgabeneffekt): Wer bereits viel investiert hat, neigt dazu, irrationalerweise noch mehr zu investieren. Vergangene Aufwendungen erhöhen die Bindung und das Streben nach Konsistenz, auch wenn sie für zukünftige Entscheidungen irrelevant sind. Dies erklärt z.B. geringe Wechselneigung bei Banken oder Versicherungen.
2. Reaktanz
Die Reaktanztheorie erklärt, warum Menschen manchmal das Gegenteil von dem tun, was von ihnen erwartet wird.
2.1 Reaktanztheorie (Brehm, 1966)
📚 Definition: Reaktanz entsteht, wenn die (Wahl-)Freiheit einer Person bedroht oder verloren ist. Dies führt zu einem aversiven Spannungszustand, den die Person reduzieren möchte, indem sie die bedrohte oder verlorene Alternative aufwertet ("Jetzt erst recht").
- ✅ Folgen: Spannungszustand auf emotionaler, affektiver und Verhaltensebene.
- ✅ Vorbedingung: Eine Erwartung an die Freiheit muss bestehen.
- 💡 Bumerangeffekt: Eingriffe in die Entscheidungsfreiheit (z.B. Rauchverbote) können dazu führen, dass Personen genau das Gegenteil des Beeinflussungsversuchs tun.
2.2 Reaktanz in Werbung und Verkauf
Werbung zielt definitionsgemäß auf die Einengung von Verhaltens- und Entscheidungsspielräumen ab. Dennoch führt dies nicht immer zu einem Bumerangeffekt.
- ✅ Gründe, warum Werbung trotz Beeinflussungsabsicht wirkt:
- Die Gestaltung der Werbung kann Reaktanzeffekte neutralisieren.
- Werbung ist oft unterhaltsam oder ästhetisch ansprechend.
- Werbung wird von sympathischen Kommunikatoren präsentiert.
- Rezipienten sind oft nur gering involviert; Reaktanz ist eher bei relevanten Themen zu erwarten.
- 💡 Empfehlungen zur Vermeidung von Reaktanz in der Werbung (Kroeber-Riel & Meyer-Hentschel, 1982): 1️⃣ Vermeide unnötige Hinweise auf Entscheidungsfreiheiten. 2️⃣ Vermeide den Eindruck, dass Entscheidungsfreiheiten wichtig sind. 3️⃣ Vermeide den Eindruck, dass Entscheidungsfreiheiten eingeengt werden. Dies kann durch gute Begründungen (z.B. ärztlicher Rat) oder einen redaktionellen Stil erreicht werden.
2.3 Prozessmodell Reaktanz und kognitive Dissonanz
📊 Das Modell verdeutlicht die Interaktion zwischen Reaktanz und Dissonanzreduktion:
- Wenn keine Wahlfreiheit erwartet wird, setzt sofort Dissonanzreduktion ein (Aufwertung der verfügbaren, Abwertung der verlorenen Option).
- Wenn Freiheit erwartet wurde und dann nicht mehr besteht, steht der Dissonanzreduktion eine Hürde in Form von Reaktanz im Weg (Aufwertung der bedrohten Alternative).
- Die Aufwertung nicht erreichbarer Optionen ist ein vorübergehender Zustand, der entweder in der Wiederherstellung der ursprünglichen Wahlfreiheit oder im Saure-Trauben-Effekt mündet.
- 💡 Saure-Trauben-Effekt: Wenn keine Freiheit erwartet wird und etwas eliminiert wird, wird das nicht mehr Erreichbare abgewertet.
3. Kontexteffekte
Kontexteffekte beschreiben, wie die Wahrnehmung und Urteile von Produkten oder Informationen durch äußere Faktoren beeinflusst werden.
3.1 Einfluss auf Wahrnehmung und Urteile
- ✅ Mehrdeutigkeit von Aussagen: Produktaussagen sind oft mehrdeutig und können unterschiedlich interpretiert werden (Yi, 1990).
- 💡 Beispiel: "Leichter Reisekoffer" kann als "leicht zu tragen" oder "schnell kaputt" interpretiert werden.
- ✅ Priming: Urteile hängen davon ab, welche Informationen zum Zeitpunkt des Urteils gerade im Gedächtnis aktiviert wurden. Der Kontext kann bestimmte Informationen "priming" (voraktivieren).
3.2 Irradiation (Spiegel, 1970)
📚 Definition: Irradiation ist ein Kontexteffekt, bei dem ein objektiv gleichbleibendes Merkmal verändert wahrgenommen wird, weil sich etwas anderes im Umfeld dieses Merkmals verändert hat. Das veränderte Merkmal "strahlt" auf das unveränderte aus.
- 💡 Beispiele:
- Neue Verpackungen, Musik, Farbstoffe beeinflussen die subjektive Wahrnehmung, obwohl das Produkt objektiv gleich bleibt.
- Der Geschmack eines Weines wird durch seine Farbe verändert.
- Der Geschmack einer Zigarette wird durch das Wissen um die Marke und die Verpackung mitbestimmt.
3.3 Beispiele für Kontexteffekte / Irradiation
- ✅ Einstellung zu Merkmal X strahlt auf Bewertung zu Merkmal Y aus:
- Art des Verpackungspapiers ➡️ Frische des Brotes
- Farbe ➡️ Geschmack von Eiscreme, Streichfähigkeit der Margarine
- Geruch ➡️ Reinigungskraft von Putzmitteln
- Herkunftsland ➡️ Qualität
- Preis ➡️ Qualität
- Markenwirkung (z.B. "If It Says McDonald’s, Then It Must Be Good")
- 📊 Experiment Farbstoffe: Müller-Thurgau Wein, der nur in der Farbe variierte, wurde unterschiedlich süß, fruchtig oder säuerlich bewertet.
- 📊 Einfluss von Zusatzstoffen und Erwartung: Erwartungen können die Wahrnehmung von Geschmack beeinflussen.
3.4 Typische Assoziationen als Kontext
- ✅ Kultur des Landes: Assoziationen mit Mozart, Wiener Walzer (Österreich).
- ✅ Land und Leute (Stereotype): "Der charmante Franzose", "der fleißige Deutsche".
- ✅ Bekannte Persönlichkeiten: Thomas Gottschalk – Haribo, George Clooney – Nespresso.
- ✅ Politik: Wirtschaftliche Kraft eines Landes, "moralischer" Wert (z.B. Boykott).
4. Einstellungen
Einstellungen sind Gesamtbewertungen eines Einstellungsobjektes und beeinflussen unser Verhalten.
4.1 Mehrkomponentenmodell (Zanna & Rempel, 1988)
📚 Definition: Einstellungen ergeben sich aus drei Arten von Informationen:
- Kognitive Informationen: Gedanken, Überzeugungen, Merkmale, die mit dem Einstellungsobjekt verbunden sind (z.B. "Dieser Politiker ist intelligent").
- Affektive Informationen: Gefühle, Emotionen, die mit dem Einstellungsobjekt verbunden sind (z.B. "Ich mag diesen Politiker").
- Verhaltensbezogene Informationen: Frühere, gegenwärtige oder antizipierte Verhaltensweisen (z.B. "Ich wähle die Partei dieses Politikers").
4.2 Explizite vs. Implizite Einstellungen
- 📚 Explizite Einstellungen: Bewusste, verbalisierbare Bewertungen, die direkt erfragt werden können (z.B. über Skalen). Sagen besser überlegtes/geplantes Handeln vorher.
- 📚 Implizite Einstellungen: Unbewusste, automatische Assoziationen, die indirekt gemessen werden (z.B. über Reaktionszeiten). Sagen besser automatisches/spontanes Handeln vorher.
4.3 Messverfahren
- ✅ Explizite Messung:
- Eindimensionale Skalen (z.B. Likert-Skala).
- Mehrdimensionale Skalen (z.B. Semantisches Differential).
- Fragen unter Zeitdruck (Geschwindigkeit der Attributzuordnung).
- ✅ Implizite Messung:
- Impliziter Assoziationstest (IAT; Greenwald et al., 1998): Misst Reaktionszeiten bei der Kategorisierung von Objekten und Attributen. Kürzere Reaktionszeiten bei konsistenten Zuordnungen deuten auf stärkere Assoziationen hin.
- Projektive Verfahren (z.B. "Wenn VW ein Restaurant wäre...").
- Weitere Verfahren: Evaluatives Priming, Affect Misattribution Procedure (AMP), Recognition and Behavioral Approach Task (RaBAT), Extrinsic Affective Simon Task (EAST).
4.4 Stärken und Schwächen der Einstellungsmessung
- Explizite Einstellungen:
- ✅ Stärken: Weit verbreitet, validierte Skalen, hohe Testgüte, einfache Handhabung.
- ⚠️ Schwächen: Einstellung muss bewusst sein, anfällig für Itemformulierung und sozial erwünschtes Antwortverhalten, Ambivalenz schwer messbar, geringer Zusammenhang mit impliziten Einstellungen.
- Implizite Einstellungen:
- ✅ Stärken: Vorhersage von automatischen Verhaltensanteilen, bester Zugang zu impliziten Prozessen, bessere Vorhersage bei geringer Verhaltenskontrolle/Zeitdruck, hohe konvergente und prädiktive Validität.
- ⚠️ Schwächen: Geringe interne und Konstruktvalidität (insbesondere IAT), Reliabilitätsprobleme, nicht immun gegen absichtliche Verfälschung (aber weniger als explizite Maße), komplexe Handhabung und Auswertung.
4.5 Moderatoren
Faktoren, die den Zusammenhang zwischen expliziten und impliziten Einstellungsmaßen beeinflussen: geringe Motivation zur Vorurteils- oder positiven Selbstpräsentationskontrolle, hohe Einstellungsstärke, hohe subjektive Diskrepanz zur Meinung anderer, Nutzung affektiver expliziter Maße, bipolare Einstellungen.
4.6 Experiment: Verhaltensvorhersage durch IAT und explizite Maße (Friese et al., 2006)
📊 Ergebnisse:
- Ohne Zeitdruck: Probanden wählen mehrheitlich das explizit bevorzugte Produkt, unabhängig von den IAT-Ergebnissen.
- Unter Zeitdruck: Probanden wählen das Produkt, das im IAT bevorzugt wurde.
- 💡 Fazit: Implizite Einstellungen sagen unter Zeitdruck (automatische, wenig reflektierte Verhaltensweisen) besser vorher, während explizite Einstellungen bei überlegtem Handeln relevanter sind.
5. Einstellungsänderung: Zwei-Prozess Modelle
Diese Modelle erklären, wie persuasive Kommunikation Einstellungen ändern kann.
5.1 Elaboration-Likelihood Model (ELM; Petty & Cacioppo, 1986)
📚 Definition: Das ELM beschreibt zwei Routen der Einstellungsänderung, deren Wirksamkeit vom Grad des Involvements (Motivation und Kompetenz) des Rezipienten abhängt:
- Zentrale Route: Hohes Involvement. Argumente werden sorgfältig elaboriert (verarbeitet). Die Qualität der Argumente ist entscheidend. Führt zu stabileren Einstellungsänderungen.
- Periphere Route: Geringes Involvement. Einstellungsänderung erfolgt durch periphere Reize oder Heuristiken (z.B. Attraktivität des Kommunikators, Anzahl der Argumente, Musik). Führt zu weniger stabilen Einstellungsänderungen.
✅ Wirkung abhängig von Involvement:
- Expertenstatus des Kommunikators: Auf zentraler Route geprüft, auf peripherer Route weitgehend ungeprüft wirksam.
- Beliebtheit/Attraktivität des Kommunikators: Auf zentraler Route kann sie schlechte Argumente nicht abschwächen, auf peripherer Route schon.
- Nonverbales Verhalten: Auf zentraler Route weniger wichtig, auf peripherer Route kann es die Glaubwürdigkeit erhöhen.
- Glaubwürdigkeit der Informationsquelle: Auf zentraler Route wird der Ruf geprüft, auf peripherer Route beeinflusst er die Glaubwürdigkeit automatisch.
- Anzahl der Argumente: Auf zentraler Route ist die Qualität entscheidend ("Unique Selling Proposition"), auf peripherer Route gilt "Je mehr, desto besser".
- Serielle Position der Argumente (Primacy-/Recency-Effekt): Auf zentraler Route irrelevant, auf peripherer Route sind erst- und letztgenannte Argumente überzeugender.
- Angenehme Musik: Auf zentraler Route geringer Einfluss, auf peripherer Route wirkt sie als positiver Hintergrundkontext.
✅ Wirkung durch Gestaltung der Werbung:
- Handlung: Spots ohne Handlung regen zu rationaler Informationsverarbeitung an (zentral), Spots mit Handlung zu weniger rationaler (peripher).
- Rhetorische Fragen: Nach Produktinformationen stimulieren sie tiefere Verarbeitung (zentral). Auf peripherer Route sind sie weniger sinnvoll.
📊 Experiment (Andrews & Shimp, 1990):
- Hoch involvierte Personen: Dachten mehr über den Inhalt der Anzeige nach; Kognitionen und Einstellung waren bei starkem Argument positiver.
- Wenig involvierte Personen: Wurden eher von attraktiv dargestellten Models überzeugt, unabhängig von der Argumentationsstärke.
5.2 Heuristic-Systematic Model (HSM; Chaiken, 1987)
📚 Definition: Ähnlich wie das ELM, aber das HSM geht davon aus, dass die systematische (zentrale) und heuristische (periphere) Verarbeitung gleichzeitig ablaufen und sich ihre Effekte mischen können.
- ✅ Unterschied zum ELM: ELM postuliert ein Entweder-oder, HSM ein Sowohl-als-auch.
- 💡 Fazit: Obwohl Befunde eher auf einen gegenseitigen Ausschluss der Verarbeitungsstile hindeuten (zugunsten des ELM), zeigen einige Studien, dass periphere Reize auch bei systematischer Verarbeitung beachtet werden. Für die Werbung bedeutet dies, sich auf beide Wege gleichzeitig vorzubereiten (z.B. starke Argumente attraktiv präsentieren) und die Rezeptionshaltung der Zielgruppe zu kennen.








