📚 Lernmaterial: Spielen ist auch Arbeit – Förderung kindlicher Bildungsprozesse nach Gerd E. Schäfer
Quelleninformation: Dieses Lernmaterial wurde aus einem Vorlesungstranskript (Podcast "Podit") und verschiedenen kopierten Textpassagen (vermutlich aus Fachliteratur von Gerd E. Schäfer und Christoph Storck) erstellt.
💡 Einführung in Gerd E. Schäfers Bildungsphilosophie
Gerd E. Schäfer, Professor für frühe Kindheit an der Universität zu Köln, ist ein renommierter Experte, dessen Arbeiten die frühkindliche Bildungsforschung, das Naturwissen von Kindern, ästhetische Bildung und das Spiel maßgeblich prägen. Er fordert eine kritische Auseinandersetzung mit traditionellen pädagogischen Ansätzen und betont die Bedeutung der Selbsttätigkeit und individuellen Sinnfindung im Bildungsprozess.
1️⃣ Schäfers Bildungsverständnis und Kritik an traditioneller Pädagogik
Schäfer warnt davor, Bildung als bloße Optimierung kognitiver, emotionaler, sozialer, ästhetischer und moralischer Entwicklungen zu verstehen. Eine einseitig rationale pädagogische Orientierung oder die Konzentration auf die Optimierung einzelner Teilbereiche kann das komplexe Zusammenspiel des Ganzen zerstören und das Verhältnis zur Wirklichkeit verzerren. Er plädiert für ein differenzierteres Wechselwirkungsmodell anstelle einfacher Ursache-Wirkungs-Beziehungen in der Pädagogik.
✅ Schäfers fünf Thesen zum Bildungsprozess:
- Selbsttätigkeit: Bildung ist ein aktiver Prozess. Man kann nicht "gebildet werden", sondern muss sich "selbst bilden".
- Sinnfindung: Bildung erfolgt durch individuelle Sinnfindungen oder -verluste. Sinn kann nur selbst gefunden und nicht vermittelt werden.
- Einordnung von Erfahrungen: Sinn ergibt sich nicht nur aus dem Erfahrenen oder Getanen, sondern vor allem aus der Einordnung dieser Erfahrungen in das bisherige Wissen und Handeln.
- Ganzheitlichkeit: Bildung ist kein rein rational-logischer Prozess. Sie umfasst die gesamte menschliche Palette sinnlich-emotionaler Erfahrungs- und Verarbeitungsmöglichkeiten sowie deren subjektive Gewichtung.
- Historischer und kultureller Kontext: Bildung geschieht "durch etwas". Die Gegenstände der Bildung tragen stets den Stempel der Geschichte und somit ein soziales und kulturelles Muster.
2️⃣ Prozesse der Selbstbildung
Schäfer betont, dass Selbstbildungsprozesse bereits im Säuglingsalter beginnen.
👶 Frühe Kindheit und Kompetenzentwicklung:
- Aktive Umweltbewältigung: Schon ein Säugling ist aktiv mit der Bewältigung seiner Umwelt und der Konstitution seines Selbst beschäftigt.
- Integrative Verbindung: Anfänglich kann ein Baby eigene Erfahrungen noch nicht integrativ verbinden.
- Selbstabgrenzung: Bald ist der Säugling zur Selbstabgrenzung innerhalb kommunikativer Beziehungen fähig, z.B. indem er lernt, seine Umgebung zu beeinflussen.
- Kompetenz vs. Bildung: Der Säugling ist in gewissem Sinne "kompetent", doch Bildung findet erst über die innere Verarbeitung statt, die das menschliche Subjekt selbst leistet. Weder die bloße Ausbildung von Kompetenzen noch die einfache Aneignung der sozialen und kulturellen Welt bedeuten bereits Bildung.
- Individuelle Sinnkonstruktion: Kinder konstruieren Sinn und Bedeutung innerhalb von Bildungsprozessen selbst und individuell, immer in Interaktion mit ihrer Umwelt.
🤝 Rolle der Erwachsenen:
- Erwachsene sind mitverantwortlich dafür, inwieweit Kinder Lern- und Erkundungsinteressen ausbilden und aufrechterhalten können.
- Besonders in der frühen Kindheit muss die individuelle Einzigartigkeit jedes Kindes berücksichtigt werden.
- Die primären Einstellungen und Erwartungen von Kindern müssen ernst genommen werden.
- Sprache und Spiel sind unverzichtbare Bestandteile einer "ästhetischen Bildung".
3️⃣ Lernen als ästhetische Erfahrung
📚 Definition "Aisthesis": Im altgriechischen Kontext bezeichnet "Aisthesis" alles, was über die Sinne Gefühle und Empfindungen hervorruft und so prägenden Einfluss auf das Bewusstsein gewinnt.
🎨 Schäfers Verständnis von Ästhetik:
- Ästhetisches Erfahren findet immer unter seelischer Beteiligung statt.
- Es ermöglicht dem Menschen, Eindrücke und Wahrnehmungen mit individueller und überindividueller Geschichte zu verbinden.
- Dies ist entscheidend für das individuelle Erleben und Gestalten eigener Lebens- und Weltentwürfe.
- Ästhetik bedeutet nicht nur "Schönheit", sondern umfasst:
- Sinnliche Vielfalt
- Historische Kontextwahrnehmung
- Subjektive Entwurfsgestaltung
- Ästhetische Wahrnehmung ist das Bemühen, vielschichtige sinnliche Wahrnehmungen in ein "Gesamtbild" zu integrieren.
4️⃣ Die Bedeutung des Spiels als Bildungsprozess
Für Schäfer hat das Spiel eine besondere Bedeutung, da es ein zentraler Bildungsprozess ist.
🎭 Spiel als Oberbegriff:
- Spiel ist ein sehr allgemeiner Oberbegriff für eine Fülle von Tätigkeiten im Kinder- und Erwachsenenleben (z.B. Bauen, Malen, Imitieren, Rollenspiele, Wiederholen, Ordnen von Eindrücken).
- Im Spiel vollziehen sich Einübung, Entlastung, Aneignung von Kräfteverhältnissen, symbolische Weltdeutung und seelische Heilung.
🔍 Zugänge zur Erfassung von Spielphänomenen:
- Funktionen untersuchen: Welche menschlichen Möglichkeiten werden durch das Spiel aktiviert (z.B. sinnliche, körperliche, kognitive, emotionale, moralische, soziale Fähigkeiten)?
- Strukturen ausfindig machen: Was macht ein bestimmtes Verhalten zum Spiel, unabhängig von seinen Inhalten? (Die "Grammatik des Spiels").
🌉 Der "intermediäre Bereich":
- Schäfer beschreibt das Spiel als einen Bereich, in dem sowohl die Eigengesetzlichkeit der Wirklichkeit als auch die Gesetzlichkeit der inneren Welt gelten können.
- Das Spiel bedient sich äußerer Realitäten, lässt sie aber nicht zur vollen Wirklichkeit werden (z.B. "Einkaufen" spielen ohne tatsächlichen Ladenbesuch).
- Dieser intermediäre Bereich liegt zwischen subjektiver und objektiver Wirklichkeit und ist der Ausgangspunkt für alle späteren Formen des kulturellen Erlebens und Handelns.
- Er ermöglicht es dem Kind, Gegenstände nicht nur objektiv zu erfassen, sondern ihnen subjektive Bedeutung zu verleihen (z.B. Interesse an Autos durch Spielen mit ihnen).
🧸 Beispiel: Kuscheltiere und "omnipotente Illusion":
- Ein Säugling erlebt sich zunächst in einem "Zustand der omnipotenten Illusion", in dem er nicht zwischen äußeren Bewegungen und eigenen Wünschen unterscheiden kann.
- Für den Weg in die Realität muss der Säugling einen intermediären Bereich ausbilden.
- Gegenstände wie Tüchlein oder Schmusetiere helfen dabei, indem sie für das individuelle Kind Sinn gewinnen und erste Schritte der Loslösung (z.B. von der Mutter) und Autonomie ermöglichen.
5️⃣ Funktionen des Kinderspiels
Das Spiel aktiviert eine Vielzahl menschlicher Fähigkeiten und dient verschiedenen Zwecken.
📊 Vielfältige Fähigkeiten:
- Sinnliche, körperliche, kognitive, emotionale, moralische und soziale Fähigkeiten werden im Kinderspiel nachweislich gefördert.
- Historischer Kontext: Bereits Groos (1896/1899) untersuchte intensiv die Funktionen des Spiels bei Tieren und Menschen.
- Tiere: Spiel als Einübung in spezifische Lebensweisen (Jagd, Geschlechtsverhalten, körperliche Geschicklichkeit) und zur Erholung.
- Neuere Tierverhaltensforschung: Die Vielfältigkeit und Flexibilität des Spiels selbst wird als wesentliche Funktion betrachtet. Jedes Spiel ist ein Informationsgewinn für das Individuum ("möglichst unbeschränkt Informationen aufnehmen, um nützliche zu finden" – Hassenstein).
🧠 Psychologische Bedeutung im Kinderspiel:
- Kognitive Entwicklung:
- Nicht nur logisches Denken, sondern auch Neugier, Ausprobieren und Erfindung.
- Spiel braucht ein mittleres Erregungsniveau.
- Betonung auf imaginative Aspekte: spielerisches "Vergegenwärtigen" verschiedenster Wirklichkeiten und Durchdenken im "Als-Ob"-Bereich.
- Emotionale Entwicklung:
- Herausgearbeitet in der Kinderpsychotherapie.
- Möglichkeit, emotionale Beziehungen zu vergegenwärtigen, zu strukturieren und zu bewältigen.
- Selbstheilungsfunktion für emotionale Probleme.
- Soziale und moralische Entwicklung:
- Spiel trägt maßgeblich dazu bei, soziale und moralische Prinzipien zu erlernen.
- ⚠️ Kritik: Eine rein funktionale Betrachtung, die Spiel nur als Mittel zum Erwerb von Kompetenzen sieht, verkennt das Wesen des Spiels. Kinder würden aufhören zu spielen, wenn es nur um die Ablesung ihrer Fähigkeiten ginge.
6️⃣ Die Grammatik des (freien) Spiels
Schäfer betont, dass es neben den Funktionen auch eine "Grammatik des Spiels" gibt, die das Spiel als solches auszeichnet.
🚀 Merkmale des freien Spiels:
- Freiheit: Es besteht eine Freiheit von äußeren Zwecken und Zielen.
- Spontanität: Es fängt spontan an und endet plötzlich.
- Intrinsische Motivation: Die Motivation und Spannung kommen aus dem Spiel selbst.
🎯 Gründe/Motive für Kinder zu spielen:
- Wirklichkeit erfahren: Kinder können Wirklichkeit erfahren, ohne ihr realistisch gerecht werden zu müssen.
- Wünsche in die Wirklichkeit tragen: Kinder können Wünsche in die Wirklichkeit tragen und diese nach ihren Erfahrungen verändern.
- Neue Wirklichkeiten ausprobieren: Kinder können neu entstehende Wirklichkeiten ausprobieren und Konsequenzen aus vorgestellten Wirklichkeiten feststellen.
🧠 Regeln und der intermediäre Raum:
- Fantasie und Vorstellungskraft bilden eine eigene Gesetzlichkeit und Regeln.
- Dies ist der intermediäre Raum, in dem Vorstellungen aus der Wirklichkeit abänderbar sind, wenn gewünscht.
- Zitat 1: "Weil die Kinder die Gesetz der Wirklichkeit noch nicht kennen, weil für sie aber auch wichtig ist, ihre eigenen Wünsche und Hoffnungen in die Wirklichkeit hineinzutragen, um ein Leben zu leben, das als sinnvoll und erfüllt erlebt werden kann, brauchen sie einen Spielraum, in dem sie ausprobieren können, wie viel Wunschwelt die Wirklichkeit verträgt und wie viel Wirklichkeit notwendig ist, damit die Wünsche nicht nur Fantasie bleiben."
- Zitat 2: "Spielen ist eine wichtige Tätigkeit, um die Welt als etwas zu erfahren, wo man mit seinen Wünschen und Vorstellungen zu Hause sein kann. Im Spiel lernt man nicht nur etwas über die Welt, sondern richtet sein Verhältnis zur Wirklichkeit so ein, dass man allmählich die Notwendigkeiten der Wirklichkeit mit den persönlichen Bedürfnissen versöhnt."
7️⃣ Neun Punkte Schäfers zum freien Spiel
Schäfer fasst die Essenz des freien Spiels in neun zentralen Punkten zusammen, die seine Bedeutung als "Arbeit des Kindes" unterstreichen.
- Freiwillige Zuwendung: Im Spiel wendet sich das Kind seiner Umwelt und Mitwelt freiwillig zu und bestimmt selbst, wie es sich darauf einlässt.
- Sinnhaftigkeit: Kinder verbinden immer einen Sinn mit dem, was sie spielen; sinnloses Spielen ist für sie nicht möglich.
- Ganzheitliche Erfahrung: Im Spiel gebrauchen Kinder alle Formen körperlich-sinnlicher Erfahrung, szenischer oder bildhafter Vorstellungen, subjektiver Fantasien, sprachlichen oder nichtsprachlichen Denkens sowie sozialen Austauschs und der Verständigung. Diese werden zu einem zusammenhängenden Prozess gestaltet.
- Subjektiver Rhythmus: Spiel folgt dem Rhythmus des subjektiven Erfahrungsprozesses. Dieser Rhythmus kann durch äußere Zeitpläne gestört oder unterstützt werden. Wo er gefunden wird, gestaltet sich das Spiel als zeitliche Ordnung mit Anfang und Ende, Höhepunkten und Phasen des Dahingleitens, der An- und Aufregung, der Entspannung, des Versunkenseins oder körperlichen Agierens, des Alleinseins oder Zusammenfindens mit anderen.
- Raumgestaltung: Für das Spiel schafft sich das Kind Räume in der gegebenen Umgebung. Es braucht aber auch Räume, die sich als Spielräume eignen und Gelegenheiten, Anregungen sowie Herausforderungen bieten.
- Prototyp komplexer Erfahrung: Spiel bildet den Prototyp einer vielsinnlichen, komplexen Erfahrung und steht im Gegensatz zu einem Lernverständnis, das auf der Förderung einzelner Kompetenzen beruht.
- Partizipation: Gleichaltrige – zuweilen auch Erwachsene – können sich am Spiel beteiligen, indem sie eigene Facetten ihrer Wahrnehmungs-, Auffassungs-, Handlungs- und Denkmöglichkeiten als Angebote im Rahmen gegenseitiger Verständigung einbringen.
- Produktive Schöpferkraft: Spiel ist ein Bereich, in dem Erfahrungen nicht nur gemacht, sondern auch ausprobiert, neu zusammengesetzt und in ihren Möglichkeiten und Folgerungen ausgedacht und getestet werden. Es ist rezeptiv verarbeitend und produktiv schöpferisch, indem es Bedingungen schafft, unter denen verschiedenste Lebenserfahrungen sich miteinander verbinden.
- Spiel als Arbeit: So gesehen ist Spiel die Arbeit des Kindes. Auch die Arbeit der Erwachsenen erhält ihren schöpferischen Charakter, wenn sie spielerische Elemente zum Zuge kommen lässt.
📝 Aufgaben zur Vertiefung
AFB I (Reproduktion)
- Arbeiten Sie das Bildungsverständnis Schäfers aus dem Text heraus.
- Skizzieren Sie den Gedankengang des Autors und erläutern Sie diesen anhand von selbstgewählten Beispielen.
AFB II (Reorganisation/Transfer)
- Erläutern Sie, was Schäfer unter ästhetischer Bildung versteht.
- Diskutieren Sie, welche Chancen und Risiken sich aus Schäfers Kritik an einer rein rationalen Pädagogik ergeben.
- Übertragen Sie Schäfers Gedanken zur ästhetischen Bildung auf die heutige digitale Lebenswelt: Welche Rolle könnten Medien, Games oder Social Media dabei spielen?
AFB III (Urteilen/Reflexion/Produktiv)
- Reflektieren Sie: In welchen Situationen haben Sie selbst erfahren, dass Lernen mehr mit emotionalem oder sinnlichem Erleben als mit rein rationalem Denken zu tun hatte?
- Entwickeln Sie ein mögliches pädagogisches Konzept für eine Kita, das die Bedeutung des Spiels in den Mittelpunkt stellt.
- Erörtern Sie, welche Bedeutung der Spieltherapie bei psychischen Problemen beigemessen werden kann.
- Recherchieren Sie verschiedene Methoden der Spieltherapie und präsentieren Sie in Kleingruppen eine Methode anhand eines Rollenspiels.
- Reflektieren Sie: Welche Bedeutung könnten spielerische Elemente in Ihrem eigenen Alltag oder Lernen haben?
- Tauschen Sie sich in der Gruppe über prägende Spielerfahrungen aus und vergleichen Sie Gemeinsamkeiten und Unterschiede. (Tipp: Denken Sie dabei zurück an Ihr früheres Kinderspielzeug, an Kuscheltiere und Ähnliches. Überlegen Sie dabei, welche Bedeutung diese Spiele bzw. Spielsachen für Ihre Entwicklung gehabt haben könnten und wie es zu einer emotionalen Bindung an diese Gegenstände gekommen sein könnte.)
- Kreative Aufgabe: Verfassen Sie eine kurze Erzählung aus der Sicht Ihres damaligen Kuscheltiers/Spielzeugs und beschreiben Sie, welche Rolle es in Ihrem Alltag hatte.
- Erarbeiten Sie in Kleingruppen eine Liste mit pädagogischen Möglichkeiten, die sich aus der „Grammatik des Spiels“ ergeben.








